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Sentimental Value
Andreas Heckmann
Es gibt Bücher, aus denen trieft süß und narkotisierend Vergänglichkeit, gerade weil sie einem Menschen und seiner Arbeit ein Denkmal setzen. Und unversehens erscheint das Denkmal wie der Grabstein einer Epoche.
So ein Buch ist der von Rolf Aurich und Ulrich Mannes herausgegebene Band Hans Schifferle. Berufung: Kritiker. Darin geht es nicht – wie man in einer Literaturzeitschrift erwarten könnte – um einen Literaturkritiker, auch nicht um einen Musik- oder Kunstkritiker, sondern um einen Mann, der von den späten 80ern bis weit in die Nullerjahre viele Besprechungen zu Filmen vor allem in der SZ und der epd film veröffentlicht hat, dazu Essays zu Regisseuren wie Roland Klick oder Jess Franco, zu Genres wie dem pornografischen Film oder amerikanischen B-Western oder zu prägenden Seherlebnissen wie Frühstück bei Tiffany von Blake Edwards.
Dass Schifferle (1957-2021) die schwierige Evokation der Atmosphäre von Filmen gelingt und er ein sicheres Gespür für deren ästhetische Dreh- und Angelpunkte hat, kann nicht verwundern, ist aber keine Kleinigkeit, wie alle bestätigen werden, die sich schon daran versucht haben, eine visuelle Erzählung oder doch eine Abfolge bewegter Bilder (um von der Tonspur zu schweigen) so zu versprachlichen, dass sich der Eindruck einstellt, man sei mit Herz und Hirn dabei gewesen und wisse nun: Diesen Film gilt es zu sehen oder getrost zu vernachlässigen. Mit der Nacherzählung des Inhalts ist es nicht getan, im Gegenteil: Man soll ja nicht spoilern und sollte sich gerade in diesem Bereich – wie bei Krimirezensionen – tunlichst zurückhalten. Und Filme leben ja nicht, jedenfalls längst nicht allein von ihrer Story, sondern vom gesamtkunstwerkhaften Zusammenwirken der ästhetischen Gewerke, obendrein im Dunkeln, wo die Seele fliegen darf und sich gut heulen und zähneklappern lässt.
Schifferle also konnte das, und so liest sich die repräsentativ getroffene Auswahl von Kritiken durchweg gut und mit Gewinn. Was aber ist das für ein Gewinn, wenn man im Jahr 2026, sagen wir, von der Begeisterung liest, mit der er im August 2002 in epd film unter dem Titel "Landkarten der Sehnsucht" über "die metaphysischen Kinomelodramen des Julio Medem" schreibt? Nun, der Gewinn liegt primär in der ungemein melancholischen Wiederbegegnung mit einer nach einem Vierteljahrhundert bereits radikal entschwundenen Welt. Da durfte einer Tiefenexegese betreiben und das ganze bis dato entstandene filmische Werk eines damals sehr gefeierten spanischen Regisseurs ausloten, durfte sich auf großzügig bemessenem Zeilenraum ohne Quotendruck oder Quantifizierungserwartungen an die Vermessung der Sehnsucht machen, die naturgemäß nicht nur die des Julio Medem, sondern auch die des Hans Schifferle war – und auch die seiner Zeit, also jenes weit zurückliegenden Jahres 2002.
So sickert in all diese Kritiken nicht nur die Zeit ein, in der diese Filme im Kino liefen und man sie gesehen hat oder auch nicht, sondern es sickert auch die Erkenntnis ein, dass es derart einlässliche, bei allem Wissen, aller Reflexion doch eigenartig versponnene, Steckenpferde reitende Filmkritiken heute kaum mehr gibt. Tatsächlich hat Schifferle in den letzten Jahren seines Lebens nur noch wenig publiziert, weil ihm die Möglichkeiten schlicht abhanden gekommen waren. In der SZ jedenfalls wird seit bald fünfzehn Jahren deutlich anders über Filme geschrieben als damals, und die gelegentlichen Rezensionen von Fritz Göttler stehen nurmehr als preisenswerte Fremdkörper im geschniegelten Umfeld herum.
Ulrich Mannes hat seinen Freund Hans Schifferle in der ausführlichen, glänzend geschriebenen Einleitung "Filmkritiker, Cinéphile et Motard. Über Hans Schifferle und die Münchner Filmkritiker seiner Zeit" auf jenem hohen Kenntnis- und Reflexionsniveau gewürdigt, das er vor Jahren schon dem Werk des Regisseurs Peter Goedel in CineGraph hat angedeihen lassen. Sein Text, in dem Einfühlung und distanznehmende Analyse brillant enggeführt werden, zeigt uns Schifferle als einen so obsessiven wie hochreflektierten Träumer, der dank eines Patents seines Vaters – eines tüftelnden Elektromeisters, der eine sehr lukrative Erfindung gemacht hat – schon früh seiner Begeisterung für den Film frönen und ihr auch in etwas anrüchige Genres mit Entdeckerlust folgen durfte, ohne von den Sorgen des Broterwerbs belastet und getrieben zu sein. Zugleich zeigt Mannes Schifferle nicht nur als einen Mann, der seinen cineastischen Obsessionen mit Leidenschaft frönte, sondern bettet sein Schreiben auch in die Münchner Kino- und Filmkritiklandschaft jener Jahre ein, würdigt das noch immer großartige Werkstattkino, das noch immer großartige Filmmuseum und jene längst in alle Winde zerstreuten Filmkritiker, die in den 80ern und 90ern um Münchens Häuser und Kinos gezogen sind und an die Doris Kuhn in ihrem SZ-Nachruf auf Hans Schifferle Anfang April 2021 bereits erinnert hat.
Schifferles Sammlung von DVDs und Büchern zum Film, die er nach dem frühen Tod der Eltern in deren Haus in München-Laim zusammengetragen hat, war so legendär wie seine Motorrad-Kollektion, die nach seinem Tod über das Londoner Kunstauktionshaus Bonhams versteigert wurde. Er war vielleicht ein melancholischer Märchenprinz des Glücks, solange es denn währte. Und er war sich sehr bewusst, einer untergehenden Zeit anzugehören, hat sich – wie weiland der Münsteraner Literaturkritiker Jürgen P. Wallmann – der Nutzung von PC und Laptop beharrlich verweigert und als letzte kommunikative Innovation auf das Fax gesetzt, das inzwischen selbst in den letzten deutschen Amtsstuben auf dem Index steht. Er konnte es sich eben leisten, sich den Entwicklungen der letzten zwei Jahrzehnte zu verweigern, und ist, wie es scheint, als Kritiker klaglos verstummt. Als Cinephilen und Motorrad-Aficionado aber dürfen wir ihn uns als einen glücklichen Menschen vorstellen. |