Am Erker 90

Alexandra Lavizzari: Was Alina sah

 
Rezensionen

Alexandra Lavizzari: Was Alina sah
 

Unheimliche Gabe
Martina Kirchhof

In ihrem jüngsten Roman Was Alina sah rückt die in der Schweiz geborene und heute im englischen Somerset lebende Autorin Alexandra Lavizzari eine Schweizer Familie ins Zentrum, die sowohl durch­schnittlich als auch außer­gewöhnlich ist. Durch­schnittlich, da es sich zunächst um eine Kleinfamilie mit klassischer Rollenver­teilung handelt: der Vater Ange­stellter in einem Hotel, die Mutter Hausfrau, und Tochter Judith, die die typische Bildungs­laufbahn über Schule, Abitur, Studium durchläuft. Judith ist ein unproblema­tisches Kind mit enger Bindung an die Eltern. Die sind nicht reich, aber gut situiert und bewohnen ein Haus nahe Basel. Später zieht Judith zu ihrem Freund, aber immer treffen sich alle gemeinsam am Familien­tisch zum Sonntags­braten.
Das Ungewöhnliche kommt mit dem Adoptiv­kind Alina ins Haus, dessen Geburtsort ein Toiletten­häuschen war, wo es gefunden wurde. Die Herkunft des Mädchens ist nicht ganz klar, mögli­cherweise ist sie nicht schweizerisch. Nach Jahren im Heim lebt sie nun also in ihrer neuen Familie, die sich große Mühe gibt, ein schönes Zuhause für sie zu schaffen und sie zu fördern. Von Anfang an aber zeigt sich das Fremde an Alina, die etwa in Judiths Alter ist, ihr aber in nichts gleicht. Alina hat "Augen von einem berückenden Blau", während in der Rest­familie nur ein "Braun­bisgrün" oder ein "Braun­bisgelb" vorkommt, "in das sich je nach Witterung ein Graustich mischt." An dieser Beschrei­bung gleich zu Beginn des Romans wird schon der ironisch-flapsige Unterton deutlich, der der jungen Erzählerin zu eigen ist. Es ist nämlich Judith, die Alinas Geschichte aus ihrer eigenen Sicht erzählt, aber auch stark das Erleben der Eltern in den Blick nimmt, so dass man anschaulich mitverfolgen kann, wie Alina und ihr Eintreten in den Dreier-Kreis das Familien­leben verändern und bestimmen – mehr als allen lieb ist.
Alina ist das Sorgenkind, sie lernt als Kleinkind kaum sprechen, zeigt befremd­liches Verhalten, tut sich sehr schwer in der Schule, weigert sich, eine Ausbildung zu beginnen, hat keine Freunde, geschweige denn einen Freund im Teenager­alter, kommt oft unpünktlich nach Hause. Sie wird von vielen im Ort geschnitten, sogar tätlich angegriffen – und das liegt an ihrer ungewöhn­lichen, ja unheimlichen und für alle unbegreif­lichen Fähigkeit: Sie kann hellsehen, Zukünftiges vorhersagen, den Aufent­haltsort von Toten, Vermissten oder Gewalt­opfern erspüren, Horoskope erstellen. Und daraus macht sie nach und nach ein Geschäft. Es gibt nämlich im Umkreis durchaus "Kunden", die ihre Fähigkeit zu schätzen wissen und ihre Dienste in vielerlei Hinsicht in Anspruch nehmen wollen. Schließlich empfängt sie diese "Kunden" im Haus der Eltern, wo ihre "Dekora­tionswut (...) von ihrem Zimmer in die ganze Wohnung überschwappte". Mit Postern von Tiergott­heiten, indischen Räucher­stäbchen, afrikanischen Fruchtbar­keitsmasken und vielem mehr trägt sie, zum Missfallen der übrigen Familien­mitglieder, zur "Schamani­sierung unseres Lebensraums" bei – so Judith. Sie verdient viel Geld, das der Vater verwaltet, der aber immer warnt, Alina könne nicht darauf ihre Existenz gründen, sondern müsse einer normalen, sicheren Arbeit nachgehen. Einmal äußert er gegenüber Judith sogar: "Am Ende wird sie uns noch bis zum Lebensende auf der Pelle hocken." Doch es kommt anders: Nach der spekta­kulären Sichtung eines Vermissten wird Alina von der Presse entdeckt, es gibt Artikel und Fotore­portagen und später ganze Homestorys über die Familie Rieser. Als sie in einem Fall von zwei lange vermissten Kindern in den USA helfen kann, tritt sie sogar im amerikanischen Fernsehen auf, wo sie sagt: "I love my parents and my sister very much." Der Familie vor dem heimischen Fernseher bleibt vor "Ergrif­fenheit" das "Häppchen im Hals stecken". Und der Vater jubelt: "Potz, was für ein Star, unsere Lia." Gleic­hzeitig stellt Alina in derselben Sendung fest: "Ich bin anders als sie, auch anders als meine Schwester." Und an anderer Stelle äußert sie einmal den Verdacht, sie sei vielleicht in die falsche Familie geraten und müsse sich überlegen, ob sie bleiben könne. Trotz aller Erfolge und Publicity bleibt Alina ein trauriger, am Ende tragischer Mensch. Sehr schön beschrieben von der Erzählerin Judith: "Sie war wie ein Schwamm, der das Dunkle auf der Welt in sich sog."
Es ist eine kluge Entscheidung von Alexandra Lavizzari, die Geschichte von Alinas Schwester erzählen zu lassen. Sehr präzise erfasst sie alle Entwick­lungen in der Familien­dynamik, spöttisch-distanziert, mitunter sarkastisch schildert sie, wie Alina mit ihrem anstren­genden, aber auch faszinie­renden Anderssein und ihrer Gabe das Leben einer einge­spielten Familie auf den Kopf stellt. Judith selbst schwankt in ihren Gefühlen zu Alina zwischen Gleich­gültigkeit, Neugier, Befremden, Neid und Eifersucht, empfindet aber auch Mitleid und Loyalität. Eine geschwis­terliche Nähe entwickelt sich nicht. Das wirkt alles sehr nachvoll­ziehbar und authentisch und durch den lockeren Ton, die feine Ironie, die rhythmi­sierende Wieder­holung von Formulie­rungen auch unterhaltsam und mitunter spannend. Was Alina sah ist eine traurig-schöne – bisweilen auch lustig-skurrile – Geschichte, zu der man der Autorin nur gratulieren kann.

 

Alexandra Lavizzari: Was Alina sah. Roman. 216 Seiten. PalmArtPress. Berlin 2025. € 25,00.