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Unheimliche Gabe
Martina Kirchhof
In ihrem jüngsten Roman Was Alina sah rückt die in der Schweiz geborene und heute im englischen Somerset lebende Autorin Alexandra Lavizzari eine Schweizer Familie ins Zentrum, die sowohl durchschnittlich als auch außergewöhnlich ist. Durchschnittlich, da es sich zunächst um eine Kleinfamilie mit klassischer Rollenverteilung handelt: der Vater Angestellter in einem Hotel, die Mutter Hausfrau, und Tochter Judith, die die typische Bildungslaufbahn über Schule, Abitur, Studium durchläuft. Judith ist ein unproblematisches Kind mit enger Bindung an die Eltern. Die sind nicht reich, aber gut situiert und bewohnen ein Haus nahe Basel. Später zieht Judith zu ihrem Freund, aber immer treffen sich alle gemeinsam am Familientisch zum Sonntagsbraten.
Das Ungewöhnliche kommt mit dem Adoptivkind Alina ins Haus, dessen Geburtsort ein Toilettenhäuschen war, wo es gefunden wurde. Die Herkunft des Mädchens ist nicht ganz klar, möglicherweise ist sie nicht schweizerisch. Nach Jahren im Heim lebt sie nun also in ihrer neuen Familie, die sich große Mühe gibt, ein schönes Zuhause für sie zu schaffen und sie zu fördern. Von Anfang an aber zeigt sich das Fremde an Alina, die etwa in Judiths Alter ist, ihr aber in nichts gleicht. Alina hat "Augen von einem berückenden Blau", während in der Restfamilie nur ein "Braunbisgrün" oder ein "Braunbisgelb" vorkommt, "in das sich je nach Witterung ein Graustich mischt." An dieser Beschreibung gleich zu Beginn des Romans wird schon der ironisch-flapsige Unterton deutlich, der der jungen Erzählerin zu eigen ist. Es ist nämlich Judith, die Alinas Geschichte aus ihrer eigenen Sicht erzählt, aber auch stark das Erleben der Eltern in den Blick nimmt, so dass man anschaulich mitverfolgen kann, wie Alina und ihr Eintreten in den Dreier-Kreis das Familienleben verändern und bestimmen – mehr als allen lieb ist.
Alina ist das Sorgenkind, sie lernt als Kleinkind kaum sprechen, zeigt befremdliches Verhalten, tut sich sehr schwer in der Schule, weigert sich, eine Ausbildung zu beginnen, hat keine Freunde, geschweige denn einen Freund im Teenageralter, kommt oft unpünktlich nach Hause. Sie wird von vielen im Ort geschnitten, sogar tätlich angegriffen – und das liegt an ihrer ungewöhnlichen, ja unheimlichen und für alle unbegreiflichen Fähigkeit: Sie kann hellsehen, Zukünftiges vorhersagen, den Aufenthaltsort von Toten, Vermissten oder Gewaltopfern erspüren, Horoskope erstellen. Und daraus macht sie nach und nach ein Geschäft. Es gibt nämlich im Umkreis durchaus "Kunden", die ihre Fähigkeit zu schätzen wissen und ihre Dienste in vielerlei Hinsicht in Anspruch nehmen wollen. Schließlich empfängt sie diese "Kunden" im Haus der Eltern, wo ihre "Dekorationswut (...) von ihrem Zimmer in die ganze Wohnung überschwappte". Mit Postern von Tiergottheiten, indischen Räucherstäbchen, afrikanischen Fruchtbarkeitsmasken und vielem mehr trägt sie, zum Missfallen der übrigen Familienmitglieder, zur "Schamanisierung unseres Lebensraums" bei – so Judith. Sie verdient viel Geld, das der Vater verwaltet, der aber immer warnt, Alina könne nicht darauf ihre Existenz gründen, sondern müsse einer normalen, sicheren Arbeit nachgehen. Einmal äußert er gegenüber Judith sogar: "Am Ende wird sie uns noch bis zum Lebensende auf der Pelle hocken." Doch es kommt anders: Nach der spektakulären Sichtung eines Vermissten wird Alina von der Presse entdeckt, es gibt Artikel und Fotoreportagen und später ganze Homestorys über die Familie Rieser. Als sie in einem Fall von zwei lange vermissten Kindern in den USA helfen kann, tritt sie sogar im amerikanischen Fernsehen auf, wo sie sagt: "I love my parents and my sister very much." Der Familie vor dem heimischen Fernseher bleibt vor "Ergriffenheit" das "Häppchen im Hals stecken". Und der Vater jubelt: "Potz, was für ein Star, unsere Lia." Gleichzeitig stellt Alina in derselben Sendung fest: "Ich bin anders als sie, auch anders als meine Schwester." Und an anderer Stelle äußert sie einmal den Verdacht, sie sei vielleicht in die falsche Familie geraten und müsse sich überlegen, ob sie bleiben könne. Trotz aller Erfolge und Publicity bleibt Alina ein trauriger, am Ende tragischer Mensch. Sehr schön beschrieben von der Erzählerin Judith: "Sie war wie ein Schwamm, der das Dunkle auf der Welt in sich sog."
Es ist eine kluge Entscheidung von Alexandra Lavizzari, die Geschichte von Alinas Schwester erzählen zu lassen. Sehr präzise erfasst sie alle Entwicklungen in der Familiendynamik, spöttisch-distanziert, mitunter sarkastisch schildert sie, wie Alina mit ihrem anstrengenden, aber auch faszinierenden Anderssein und ihrer Gabe das Leben einer eingespielten Familie auf den Kopf stellt. Judith selbst schwankt in ihren Gefühlen zu Alina zwischen Gleichgültigkeit, Neugier, Befremden, Neid und Eifersucht, empfindet aber auch Mitleid und Loyalität. Eine geschwisterliche Nähe entwickelt sich nicht. Das wirkt alles sehr nachvollziehbar und authentisch und durch den lockeren Ton, die feine Ironie, die rhythmisierende Wiederholung von Formulierungen auch unterhaltsam und mitunter spannend. Was Alina sah ist eine traurig-schöne – bisweilen auch lustig-skurrile – Geschichte, zu der man der Autorin nur gratulieren kann. |