Am Erker 90

Stefan Meetschen: Gespenster wie wir

 
Rezensionen

Stefan Meetschen: Gespenster wie wir
 

Vom Stahlkochen und Filmemachen
Jochen Möller

Stefan Meetschen hat mit Gespenster wie wir einen unauf­geregten und doch treffenden Roman über Europa vorgelegt. Als Handlungs­rahmen dient das Filmprojekt eines in Duisburg aufge­wachsenen, aber in Warschau lebenden Regisseurs. Albert kommt aus einfachen Verhält­nissen, sein Vater war Stahl­arbeiter, die Mutter stammte aus Ostpreußen, flüchtete unter widrigsten Umständen ins Ruhrgebiet. Obgleich kein verbissener Typ, will Albert nach einer uninspi­rierten Phase als Werbe- und Imagefilmer unbedingt ein sehr persönliches Filmprojekt durchsetzen. So will er einerseits seine Eltern würdigen, andererseits der Familie beweisen, dass er es in seinem abgehobenen Metier zu etwas gebracht hat.
Der Roman verbindet eine nüchterne, aber abwechslungs­reiche Alltags­schilderung zwischen Ruhrgebiet, Warschau und spannenden Drehorten mit dem Erzählmuster einer Art "Heldenreise". Kann Albert seinen anspruchs­vollen Film fertig­stellen? Zwar ist dieser Film dokumen­tarisch, doch er trägt unter dem Stichwort "Transmutation" auch spekulative Züge, will Klischees und Vereinfachungen überwinden.
Ob der Film gelingen kann, bleibt im Verlauf vielfach offen, und so folgt man beim Lesen gespannt Alberts Weg. Die Hindernisse, die sich vor dem Regisseur auftürmen, sind vielge­staltig und gehen ihm oft unter die Haut. Geldsorgen sind allgegenwärtig, doch liegen seine eigentlichen Heraus­forderungen in einem missgüns­tigen Geistesklima. Das beginnt mit der kalten Dusche beim Gespräch mit einer Filmförder­agentur, wo sein Projekt einfach in keine Schublade passt, führt zu empfind­lichsten, rufschädigenden Angriffen auf Alberts Person und endet beinahe mit aufgebrachten Klimaschützern am Drehort.
Dies sind keine beliebig von Meetschen hinge­worfenen Hindernisse. Die im Buchtitel aufscheinenden "Gespenster" weisen durchweg in persönliche oder politische Vergan­genheiten, die der Regisseur zu durchdringen versucht, ohne in Schwarz-Weiß-Zeichnung zu verfallen. Beim Lesen drängen sich die großen Gespenster des Kommunismus und des National­sozialismus auf sowie die durch den Zweiten Weltkrieg ausgelösten Verwerfungen. Meetschen flicht in diese Handlungs­stränge geschicht­licher Gespenster die Alchemie des Stahl­kochens ein, von der Rüstungs­industrie im Ruhrgebiet bis zum Asow-Stahlwerk in Mariupol.
Unter anderem durch diesen Abstecher in die Ukraine vermag Meetschen aufzuzeigen, dass geschicht­liche Verwerfungen bis heute nachwirken, Ideologien hartnäckig weitergeistern. Er spricht auch aktuell unversöhnliche Denkgegensätze an, lässt Rechts­extremisten und religiöse Eiferer auftreten und beschreibt deren Feind­schaften gegen Anders­denkende und -liebende. Im Schwarz-Weiß-Denken um ihn herum, von dem auch seine tapferen Teammit­glieder nicht frei sind, liegt ein Gutteil von Alberts Hindernissen begründet.
Meetschen hat sich für einen glücklichen Ausgang entschieden. Am Ende des Romans wird der Glaube wiederher­gestellt, dass Ideologien mit Klarheit, Beharren und Menschlichkeit überwunden und Gespenster wenn schon nicht vertrieben, dann doch entzaubert werden können. Der Erzähler, sein Held und die geduldig dessen Weg verfolgenden Leser haben dieses Happy End verdient.

 

Stefan Meetschen: Gespenster wie wir. Roman. 236 Seiten. Ruhland. Frankfurt am Main 2024. € 24,00.