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Vom Stahlkochen und Filmemachen
Jochen Möller
Stefan Meetschen hat mit Gespenster wie wir einen unaufgeregten und doch treffenden Roman über Europa vorgelegt. Als Handlungsrahmen dient das Filmprojekt eines in Duisburg aufgewachsenen, aber in Warschau lebenden Regisseurs. Albert kommt aus einfachen Verhältnissen, sein Vater war Stahlarbeiter, die Mutter stammte aus Ostpreußen, flüchtete unter widrigsten Umständen ins Ruhrgebiet. Obgleich kein verbissener Typ, will Albert nach einer uninspirierten Phase als Werbe- und Imagefilmer unbedingt ein sehr persönliches Filmprojekt durchsetzen. So will er einerseits seine Eltern würdigen, andererseits der Familie beweisen, dass er es in seinem abgehobenen Metier zu etwas gebracht hat.
Der Roman verbindet eine nüchterne, aber abwechslungsreiche Alltagsschilderung zwischen Ruhrgebiet, Warschau und spannenden Drehorten mit dem Erzählmuster einer Art "Heldenreise". Kann Albert seinen anspruchsvollen Film fertigstellen? Zwar ist dieser Film dokumentarisch, doch er trägt unter dem Stichwort "Transmutation" auch spekulative Züge, will Klischees und Vereinfachungen überwinden.
Ob der Film gelingen kann, bleibt im Verlauf vielfach offen, und so folgt man beim Lesen gespannt Alberts Weg. Die Hindernisse, die sich vor dem Regisseur auftürmen, sind vielgestaltig und gehen ihm oft unter die Haut. Geldsorgen sind allgegenwärtig, doch liegen seine eigentlichen Herausforderungen in einem missgünstigen Geistesklima. Das beginnt mit der kalten Dusche beim Gespräch mit einer Filmförderagentur, wo sein Projekt einfach in keine Schublade passt, führt zu empfindlichsten, rufschädigenden Angriffen auf Alberts Person und endet beinahe mit aufgebrachten Klimaschützern am Drehort.
Dies sind keine beliebig von Meetschen hingeworfenen Hindernisse. Die im Buchtitel aufscheinenden "Gespenster" weisen durchweg in persönliche oder politische Vergangenheiten, die der Regisseur zu durchdringen versucht, ohne in Schwarz-Weiß-Zeichnung zu verfallen. Beim Lesen drängen sich die großen Gespenster des Kommunismus und des Nationalsozialismus auf sowie die durch den Zweiten Weltkrieg ausgelösten Verwerfungen. Meetschen flicht in diese Handlungsstränge geschichtlicher Gespenster die Alchemie des Stahlkochens ein, von der Rüstungsindustrie im Ruhrgebiet bis zum Asow-Stahlwerk in Mariupol.
Unter anderem durch diesen Abstecher in die Ukraine vermag Meetschen aufzuzeigen, dass geschichtliche Verwerfungen bis heute nachwirken, Ideologien hartnäckig weitergeistern. Er spricht auch aktuell unversöhnliche Denkgegensätze an, lässt Rechtsextremisten und religiöse Eiferer auftreten und beschreibt deren Feindschaften gegen Andersdenkende und -liebende. Im Schwarz-Weiß-Denken um ihn herum, von dem auch seine tapferen Teammitglieder nicht frei sind, liegt ein Gutteil von Alberts Hindernissen begründet.
Meetschen hat sich für einen glücklichen Ausgang entschieden. Am Ende des Romans wird der Glaube wiederhergestellt, dass Ideologien mit Klarheit, Beharren und Menschlichkeit überwunden und Gespenster wenn schon nicht vertrieben, dann doch entzaubert werden können. Der Erzähler, sein Held und die geduldig dessen Weg verfolgenden Leser haben dieses Happy End verdient. |