Venedig,
Venedig, im Gefängnis
des Dogenpalastes

Venedig,
Berlin-Hohenschön-
hausen, Gummizelle
im Stasi-Gefängnis

 
Am Erker 80
   

"Gefangen"
erscheint im März 2021 und ist in Arbeit

Die spektakuläre Flucht des Grafen von Monte Christo aus den Kerkern des Château d'If ist heute noch legendär. Seine Idee, eingenäht in einen Sack als Pseudo-Leiche im Mittelmeer entsorgt zu werden, war genial. Doch hinter ihm lagen da bereits vierzehn lange Jahre der Gefangenschaft.
Eine amerikanische Serie vom Anfang dieses Jahrtausends, Prison Break, erzählt in den etwa fünfzehn Stunden der ersten Staffel auch von einem verzweifelten Ausbruch aus einem Hochsicherheitsgefängnis, der allerdings unter enormem Zeitdruck steht, da einer der Beteiligten vor dem elektrischen Stuhl gerettet werden muss, der in wenigen Wochen droht.
Es scheint in uns den Drang zu geben, innere und äußere Gefängnisse zu überwinden, wie anstrengend und langwierig dies auch immer sein mag, einen Freiheitsdrang, der offensichtlich kaum zu bändigen ist. Daraus wird kräftig Kapital geschlagen. Wir leben in einer Zeit der ubiquitären Ideologisierung von Freiheit. Fast jeder beugt sich – zumeist unhinterfragt – diesem Dogma. Liberalität gilt als Wert an sich.
Doch, das wusste schon Oskar Maria Graf, wir sind Gefangene und bleiben das womöglich ein Leben lang. Allen literarischen, psychologischen, theologischen oder politischen Versprechungen zum Trotz. Gefangene unserer Milieus, unserer Ängste und Lüste, unserer körperlichen und geistigen Gegebenheiten.
Der neue Erker möchte einen Blick wagen hinter die Gitter, in die Zellen unserer Gefängnisse, die dunklen, unausgeleuchteten Räume unserer Psyche, in die muffigen, traurigen und skurrilen Milieus unserer Kerker. Oder – vice versa – Raum für Fluchten bieten, für Geschichten des Entkommens.

Gerald Funk